Helgoland – Eine andere Welt

Informationen über die subjektiv schönste Insel Deutschlands am Golfstrom, Neuigkeiten und Veranstaltungen auf Helgoland – und ein bisschen "Kraut und Rüben" aus der Kartoffelallee

Jubiläum der Vogelwarte Helgoland

Die „Kieler Nachrichten“ haben sich die Mühe gemacht, einen langen Artikel zum Jubiläum „100 Jahre Vogelwarte Helgoland“ zu schreiben.

Mit seinem Buch „Die Vogelwarte Helgoland“ hatte Heinrich Gätke bereits im Jahre 1891 auf die Bedeutung Helgolands für den Vogelzug aufmerksam gemacht. Einen kleinen Eindruck darüber, was Herr Gätke (der mit Theodor Fontane verwandt gewesen sein soll) wohl für ein Mensch – auch als Maler – war, verschafft der untenstehende Bericht aus dem Jahr 1948 (veröffentlicht 1850):

Vogelwarte Helgoland - Gätke

Vogelwarte Helgoland - Gätke

Wie man nachlesen kann, haben nicht nur die Vögel – sondern auch die Malerei Herrn Gätke beschäftigt:

„In einer der schmalsten Straßen Helgolands, in der wir, wie die Zugvögel, immer nur Einer hinter dem Andern gehen konnten, liegt ein ganz niedriges, einstöckiges Gebäude, das, nach Art unserer Bauernhauser, zwei Fenster von beiden Seiten der kleinen Thüre hat. Ein, nach Helgolander Begriffen prächtiger Garten umgiebt dies Haus. Aber die beiden Bäume dieses Gartens, die schönsten der Insel, standen in diesem Sommer blätterlos. Ein scharfer Nordostwind hatte sie nach dem Entfalten gepackt und mit seinem salzigen Hauche so gedörrt, daß sie am Morgen alle herbstlich welk am Boden lagen.

Ein paar kleine Sträuche, einige Zeitlosen, einzelne duftende Erbsenblüthen und andere kleine Blumen waren verschont geblieben. Sie erschienen hier herrlicher, als die schönste Centifolie in südlicher Natur. Alle diese Blumen und ein Feld von Kohl und Rüben, waren sorglich gepflegt. Kohl und Rüben sind, mit Ausnahme der Kartoffeln, die einzigen Erzeugnisse der Insel, und auch diese Gemüse gedeihen nicht auf jedem Punkte des Oberlandes. Alle übrigen Lebensbedürfnisse, Getreide, Fleisch, Holz, Torf und selbst das Heu zur Erhaltung der zahlreichen Schafe und der einzigen Kuh, welche dem Gouverneur gehört, muß vom Continente gebracht und die hohe Treppe hinaufgetragen werden, da man mechanische Vorrichtungen für diesen Zweck noch nicht kennt.

Aus dem kleinen Gärtchen vor dem Gätke’schen Hause traten wir in den Flur, dann zur linken Hand in das Atelier des Malers, das zugleich sein Studirzimmer und das Wohnzimmer der Familie ist. Die beiden Fenster der Hauptwand waren verhangt, um das richtige Licht für die Bilder zu schaffen, an dem frei gelassenen Seitenfenster stand die Staffelei. Gätke saß bei der Arbeit. Er stand auf, uns zu empfangen. Eine große, sehr kräftige Gestalt, ein fast in südlichen Formen stark ausgeprägtes Gesicht, schwarze Augen, ein starker schwarzer Bart, ein langes Haupthaar, so trat er vor uns hin, und erschien noch größer in dem kaum acht Fuß hohen Stäbchen, dessen Balken er offenbar mit der Hand erreichen konnte. Er trug eine blaue Leinwandblouse. Ein Paar blühend schöne Knaben, die in dem Zimmer an der Erde spielten, waren angcthan wie er.

Helles Sonnenlicht beleuchtete das Gemälde auf der Staffelei. Es stellte eine der hervorspringenden Felsenkanten der Insel dar. An dem wunderbar gewölbten Bogen des rothen Gesteins, das mit seinen verschiedenen Lagen einem aus Quadern geschichteten Bauwerke gleicht, bricht sich die ganze Gewalt der mächtig anstürmenden Brandung, daß das grünlich-graue Wasser wild aufspritzt, dem Widerstande trotzend, in zornigen hoch schäumenden Wogen Schweres bleifarbenes Gewölk hüllt den Himmel ein, und läßt nur hie und da aus seinem blauen Grunde ein scharfes Streiflicht auf die Wellen fallen, die dann aufglänzen bald in silbernem Weiß, bald in grünlichem Gold, obschon man es fühlt, daß in dieser nordischen Natur die Sonne mehr leuchtet als wärmt. Unten am Fuße des Felsens, auf zerfallenem, braunlichem Geröll sitzt ein Flug weißer Wasservögel, die Federn genäßt vom strömenden Regen, die Flügel ermattet vom Kampfe gegen den Sturm. Ihr sicheres Rasten zeigt die tiefe Einsamkeit an, deren sie hier gewiß sind.

Ein Sopha zwischen den beiden verhängten Fenstern, ein Tisch mit schlichter Decke davor, ein Paar kleine Eckschranke und einige Stühle machten das ganze Ameublement des Zimmers aus. Dagegen befand sich, in den verhängten Fensternischen aufgeschichtet, eine ausgewählte kleine Bibliothek. Neben einigen ornithologischen Werken standen die deutschen Klassiker, Shakespeare und Byron in der Ursprache, griechische und lateinische Autoren in deutscher Übersetzung, und eine Anzahl der neuen Lyriker unseres Vaterlandes.

Die Wände waren mit Glaskasten bedeckt, welche ausgestopfte Vögel enthielten. Gätke selbst hat diese Alle hier auf ihren Wanderungen geschossen und sich geübt, sie auszustopfen, was er jetzt mit höchster Vollendung zu Stande bringt. Ein Kabinet, welches an dieses Zimmer stößt, ist sein Laboratorium. Der Thüre gegenüber prangte eine weiße, große Schneeeule, die klug, als ob sie lebte, nieder sah. Hunderte von größeren und kleineren Vögeln der verschiedensten Gattungen waren in vortrefflichen Exemplaren vorhanden. Australische und Norwegische Vögel, Bewohner des Kaps, der heißen Zonen und der Pole fanden sich hier vereint, wie sich das Skalpel des Anatomen neben Pinsel und Palette, die Blüthe der Literatur neben der Flinte des Iägers und dem Theerhut des Schiffers befand.

Es lag etwas höchst Anziehendes in diesem Dasein. Die Entwicklung großer Kraft in engen Verhältnissen, die Möglichkeit geistigen Lebens aus dem eigenen Innen heraus, ohne unablässige Anregung von Außen, erschienen hier in ihrer ganzen Bedeutung. Man mußte sich unwillkürlich fragen, ob dieses Sichselbstausbeuten nicht viel fruchtbarer für die eigentliche Entfaltung der Menschenkräfte sei, als unsere Lebensweise, die uns täglich Neues zuführt, welches für uns durch die Masse unerfaßbar wird, während wir doch unsere Kraft erschöpfen, in dem vergeblichen Bestreben, es uns in seiner Fülle anzueignen.

Der Mensch ist allerdings nicht für die Einsamkeit, aber noch viel weniger für den Theetisch geschaffen und für das Gesellschaftswesen, wie es sich in der großen Welt ausgebildet hat. Eine gesunde Natur wird auch länger ohne Nachtheil die Einsamkeit ertragen, als die Hohlheit unseres Verkehrs, in dem die besten menschlichen Eigenschaften brach liegen, und nur der Schein kultivirt wird.

Dazu kommt noch, daß man in Helgoland nur den Winter auf sich angewiesen ist, während der Sommer in den zahlreichen Fremden dem Geiste vielfache Hülfsquellen eröffnet; und so wenig ich im Sommer hier zu leben wünschte, so angenehm kann ich es mir denken, den Winter einmal hier zuzubringen, sich in stiller Ruhe auf sich selbst zu besinnen; und einsam zu überlegen, was man innerlich gewonnen habe im Verkehr mit Welt und Menschen.

Wie der Gewerbtreibende strebt, am Ende des Tages einen Augenblick zu finden, in dem er seine Ausgabe mit seiner Einnahme vergleicht, und seinen Besitz berechnet, um sich ein klares Bild seiner Lage zu erhalten, so müßte man öfters die Menschen meiden, um mit sich allein zu sein, und sich Rechenschaft zu geben von dem, was man ist und kann, von dem, was man in sich selbst als Eigenthum besitzt. Dazu aber wäre Helgoland ein Ort, wie kein zweiter zu finden sein möchte.

(…)

* 19.3.1814 in Pritzwalk, + 1.1.1897 auf Helgoland

Aus:

Erinnerungen aus dem Jahre 1848,

Band 2 – von F. Lewald, 1850

Wer nachlesen möchte, wer Fanny Lewald war, kann das u. a. auf Wikipedia tun.

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